AUF EIN TREFFEN IM BLAUEN ENGEL MIT... CHRISTIN SCHINDLER

Liebe Christin, du gehörst zur ersten Generation von Studierenden an der Filmakademie. Was war damals anders als heute?
Zum Gründungsjahrgang zu gehören war sehr spannend. Es war für die Studenten mit einem intensiven Suchen und Finden verbunden und wir hatten die Gelegenheit, viel auszuprobieren. Erst im zweiten Jahr meines Studiums sind wir in das jetzige Hauptgebäude der Filmakademie gezogen. Alles war neu und frisch, eben im Aufbau. Das Studium an der Filmakademie war mein zweites Studium. In Pforzheim an der Fachhochschule für Gestaltung waren die Schwerpunkte Zeichnen, Malerei und grafisches Gestalten, ganz klassisch, das heißt nicht am Computer, die gab es damals noch nicht, sondern mit Stift und Papier. Nach dem Grafik-Diplom arbeitete ich in verschiedenen Werbeagenturen, immer im Bereich Konzeption und Kreation. Als Art Direktorin konzipierte ich Print-Kampagnen, Spots und kleine Produkt- und Unternehmensvideos. Der Filmbereich interessierte mich so sehr, dass ich meine gesicherte Position als Art Direktorin aufgab, um an der Filmakademie zu studieren.

Wann und wie hast du deine Begeisterung für Kunst und Design bei dir selbst entdeckt?
Bilder und Illustrationen haben mich schon immer fasziniert, besonders solche, die fantasievoll sind, Geheimnisse in sich tragen und Geschichten erzählen. So habe ich die Museen durchstreift, Kunstgeschichte und Kunst entdeckt. Selbst zu zeichnen war da nur eine logische Konsequenz. Über das Gestalten hinaus hat mich das Kino fasziniert, eine Form, bei der für mich vieles zusammenkam: Erzählen, Fotografie, Schauspiel, Musik, Gestaltung – aber das Studium an der Fachhochschule war für mich zu dieser Zeit genau das richtige. Es herrschte eine total kreative Stimmung, alles schien möglich. Für meine Diplomarbeit hatte ich mir ein komplettes Konzept überlegt. Es ging um die Darstellung eines Restaurants, das von Kunststudenten ausgestattet und für einige wenige Tage belebt wurde. An diesem Set entstand ein kleiner Film in Kooperation mit dem SWF (heute SWR). Das Interesse am Film blieb, und dass die Filmakademie Baden-Württemberg gegründet wurde, war für mich ein Glücksfall. Zu der Zeit arbeitete ich ja in Stuttgart und eine Bewerbung war naheliegend. Damals nahm die Kommission gerne Leute mit Erfahrung auf. Die Aufbaukurse waren bereits belegt, so startete ich im Grundstudium und fühlte mich durchaus etwas seltsam.

Wie hast du deine Zeit an der Filmakademie erlebt?
Der Unterricht war hier freier, als ich es in Pforzheim erlebt hatte. In Ludwigsburg konnte man sich vieles nach dem Prinzip Learning by Doing aneignen. Durch den Kontakt zu vielen verschiedenen Leuten und die Teamarbeit habe ich auch in meinem eigenen Schaffen immer wieder neue Impulse bekommen. Und natürlich gab es durch die Technik ganz neue Optionen. Computer ermöglichten jedem, unabhängig die eigenen Ideen umzusetzen. Für den Bereich Animation habe ich mich nach dem Grundstudium entschieden, weil das für mich der Bereich war, in dem ich am besten meine Geschichten erzählen konnte. Man arbeitet im Animationsfilm relativ autark, das Team besteht über weite Strecken aus Kameraoperator und Animator. Mit einigen Kommilitonen, mit denen ich damals an meinem Diplomfilm SIMARA gearbeitet habe, stehe ich regelmäßig in Kontakt. Das Internationale Trickfilmfestival in Stuttgart ist jedes Jahr ein Meeting Point für uns.

Wie ist dir der Einstieg ins Berufsleben als Freischaffende gelungen?
Während des Studiums in Pforzheim habe ich Claus Bäuerle kennengelernt. Seit damals arbeiten wir als Team. Nach unseren Festanstellungen und meinem Abschluss an der Filmakademie haben wir uns selbständig gemacht. Zu unseren Kunden zählen namhafte Firmen, für die wir vor allem Arbeiten aus dem Bereich der klassischen Werbung machen. So erarbeiten wir Werbekonzepte, die entsprechend umgesetzt werden. Seit 2001 befindet sich unser Atelier bei Baden-Baden. Akquise fand und findet eher beiläufig statt. Kreativität, gute Arbeit und Zuverlässigkeit sowie ein berufliches Netzwerk sind wichtig für die Kunden, Aufträge und neue Aufgaben. Wir arbeiten wirklich gerne mit Interesse am Projekt. Unser Atelier ist klein, engagiert aber projektbezogen auch Partner. Für uns war und ist das ein Erfolgsrezept. In der Zeit, die übrigbleibt, realisieren wir unsere eigenen Ideen und Projekte. Beispielsweise habe ich in den letzten zwei Jahren ein Kinder- und Jugendbuch geschrieben und illustriert: ANAXIMANDER, ein Buch, in dem man durch eine mystische japanische Fabel etwas über Philosophie und Evolution erfährt. Es freut mich sehr, dass sich ein Verlag als Vertriebspartner gefunden hat.

An welches Projekt erinnerst du dich besonders gerne zurück?
Einen Animationsfilm wollte ich unbedingt machen, eine freie künstlerische Arbeit. Es sollte wieder ein Puppet Stop Motion Film werden. Figuren mit Charakter und ihre miniaturisierten Welten zu erfinden, eine kleine Geschichte zu erzählen – das war das Ziel. Ausgedacht haben wir uns so manches, Drehbücher geschrieben, Skizzen gemacht und schließlich ist die Entscheidung für TIERE DER GROSSSTADT gefallen, auch bei der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Sie förderte das Drehbuch und die Realisierung wurde ebenfalls von der MFG und zusätzlich vom Bundeskultusministerium unterstützt. Das Projekt war keine alltägliche Aufgabe und auch in zeitlicher Hinsicht eine Herausforderung. Gut war es, Kommilitonen und ehemalige Mitarbeiter der Filmaka als Berater heranziehen zu können. Das umfangreiche Wissen von Thorsten Schrecke im Modellbau war sehr nützlich und auch die Erfahrung von Angela Poschet in der Kameratechnik war wertvoll. Stephan Haase beriet uns in Sachen Computertrick und im wichtigen Bereich Ton und Musik unterstützte uns Oliver Heise.

Welche Pläne habt ihr für die nächsten Jahre?
Man muss sich immer wieder neu erfinden. Zurzeit schreibe ich an einem neuen, umfangreich illustrierten Buch. Mal sehen, vielleicht reicht die Zeit, um noch einmal einen Animationsfilm zu machen. Ideen dafür gibt es mehr als genug.

Woher bezieht ihr eure Inspiration, wie entspannt ihr in eurer Freizeit?
Kunstausstellungen, besonders auch internationale wie die Biennale in Venedig oder die Documenta in Kassel, sind für uns anregend. Auch wenn wir nicht in Stuttgart, Berlin oder L.A. sind – das Gespräch und der Austausch mit Kunden, Kollegen und Freunden ist uns sehr wichtig – egal wo sie sitzen. Erstaunlicherweise schätzen die es auch sehr, bei uns zu sein und mit uns unsere tolle Region zu genießen.

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DAS INTERVIEW FÜHRTE: Meike Katrin Stein
01.12.2016